Hältst du dich für einen guten Freund?

Wie zeige ich mich und von welchen Seiten? Welche Motive leiten mich, Begegnungen zu suchen und zu gestalten?

Wann fühle ich mich verbunden und wann gebe ich etwas von mir Preis?

Was schätze ich am Anderen und was ist mir fremd?

Was ist bei mir gut aufgehoben?

Auf wen freue ich mich in Gedanken an Begegnungen, wer kommt auf mich zu? Wer interessiert mich von Herzen und wie zeige ich das?

Was ist mein Massstab für Privates, was für Öffentliches, was teiel ich und was sollte ich teilen?

An wem reibe ich mich und was sagt mir das über mich selbst?

Mit wem bin ich befreundet und in welchen Phasen hat sich das bewährt?

Was macht mich in Freundschaften wach und präsent?

Freundschaft, persönlich genommen

Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, mich für Freundschaften zu eignen und mich an ihnen erfreuen zu können.

Ich habe das Glück, immer wieder neu Freundschaften zu schließen, eher mit Männern. Nicht jedes Jahr, aber doch immer wieder. Dann treffe ich einen Menschen, dessen Denken, dessen Stil, dessen Beziehungsverhalten mich inspirieren, mich Zuneigung empfinden lassen. Und manchmal ist dies auch gegenseitig. Befreunden tue ich mich lieber mit Menschen, die ich nicht beruflich kennenlerne, was nicht heißt, dass ich hier nicht auf Interessante stoße. Eher ein Überbleibsel aus meiner Arbeitswelt, wo ich in früheren Bezügen nicht in nahe Beziehungen kommen wollte, um nicht die Neutralität und den klaren Blick für mögliche Konfrontation verlieren wollte.

Wahrscheinlich hilft, dass ich eher bei Menschen verweile, die wenig wertend sind und kaum Neigungen haben, sich andere zurecht zu machen. Menschen anders haben zu wollen, macht Beziehungen schnell anstrengend und die meisten, deren Freund ich gerne bin, haben eh Anstrengung genug. Mich erleichtert, wenn meine Freunde mit dem einig sind, was sie geworden sind. Dann wird das Beisammensein weder durch Begehrlichkeiten noch durch Neid oder Ringen um Augenhöhe belastet. Es tut so gut, ganz offen sprechen zu können, ohne dass da etwas aus dem Gleichgewicht gerät und wieder hergestellt werden muss. Mit den Jahren kann ich mich wirklich besser am anderen erfreuen, ohne ihn zu brauchen oder irgendwie in Beschlag nehmen zu wollen. Aus Beziehungen mehr machen zu wollen, als den Beteiligten leicht fällt, mindert meine Freundschaften eher.

Keine meiner Freundschaften aus der Adoleszenz sind mir geblieben. Alle meine Jugendfreunde und Zeitzeugen sind früh, vor ihrem dreißigsten Geburtstag nacheinander tödlich verunglückt. Diesen Verluste haben mich sehr geprägt..

Dann kam bei mir die Zeit der Familien- und Existenzgründung und Begegnungen gruppierten sich um diese Lebensabschnittsthemen. Einige davon sind mir geblieben, wobei wir uns nicht unbedingt häufig sehen oder regelmäßig die Beziehung pflegen. Manchmal ist jahrelang Pause, auch weil unsere Lebenswege nicht nahe beieinander lagen. Und doch ist es vertraut wie immer, wenn wir uns dann begegnen.

In anderen Beziehungen haben wir uns aneinander verbraucht. Nachdem unsere Differenzen und Spannungen beseitigt waren, waren sie zu Ende. Mehr sollte nicht sein. Andere Beziehungen sind darüber hinaus lebendig geblieben. Oder die Beziehung hat, realistisch betrachtet, von vornherein nur zu vergangenen Lebensphasen und –sphären gepasst, etwa verbunden mit Sport oder Kleinkinderzeit. Sie sind nicht zerbrochen, doch konnten wir sie auch nicht lebendig halten.  Immerhin behalten sie einen würdigen Platz in der persönlichen Geschichte.

Freunde dürfen sich auch was zumuten, wenn es von Achtung für einander getragen ist. Ob es Leid ist, oder Offenheit; oder auch die Kunst der Lebensführung und des Älterwerdens ist. Einander vertraut zu sein, Zeit verbringen und Wesentliches teilen macht Sinn.

Nicht zuletzt ist es eine wachsende Lebenskunst  beim Älterwerden, mit sich selbst befreundet zu sein. in einer wohlwollenden Haltung sich selbst über die Schulter schauend sich vor schwachen oder unreifen Seinsmöglichkeiten zu bewahren oder in schwierigen Lebenssituationen beizustehen, hilft einem den Platz einzunehmen, den einem das Leben zuweist.

Horst

 

Weiterführende Literatur.:

Max Frisch: halten sie sich für einen guten Freund, 1977;

Peter Schellenbaum: Das Nein in der Liebe, 1992;

Peter Sloterdijk: Du musst Dein Leben ändern, 2009

November 26, 2017

  • Wow. Danke für das Teilen dieser Gedanken und diese Ausführungen dazu.

    Jeder trägt seine persönliche Entwicklung und die Verantwortung dafür. Ich denke, dass sich jeder die Freiheit beibehalten sollte seine Meinungen und Ansichten zu verändern und wahre Freundschaft wird dies respektieren und akzeptieren. Auch falls dies zu Trennungen führt, ist dies in Ordnung. Wir sind nicht dafür geschaffen uns stetig den Meinungen und den Wünschen anderer anzupassen.
    Dennoch gelegentlich in Achtung zurückzublicken und dankbar für die Erfahrungen und Freundschaften zu sein, die einen geprägt haben ist mir wichtig – auch wenn Begegnungen nicht leicht waren oder von Konflikten gekennzeichnet waren.
    Wohlwollen und Friedfertigkeit muss bei uns selbst beginnen, damit wir sie auch anderen entgegen bringen können.

    Peter

    • Hm, die Frage war ja ob ich mich für einen guten Freund halte. Das habe ich grade erst gesehen.
      Ich weiß, dass ich loyal und großzügig bin. Gelegentlich fehlt mir die Fähigkeit zu zuhören und ich gebe dann auch gerne Ratschläge, die vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht notwendig sind – daran arbeite ich. Ich verzeihe anderen immer mehr als mir selbst.
      Verständnis für andere wächst aus meinem Wissen darüber, dass jeder Mensch einen Grund für seine Worte und sein Handeln hat, auch ich. Doch auch daran arbeite ich, um mich von alten Prägungen, die mir nicht gefallen und ohne die ich ein besserer Mensch und damit auch Freund sein kann, zu lösen.
      Fazit: Ich bin nicht perfekt, denke aber dass ich ein guter Freund bin. Die Arbeit an mir selbst, wird mich zu einem noch besserem Freund wachsen lassen.
      Peter

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