Zeit und wie wir darin vergehen

 Wenn mein Ende nicht mehr weit ist,
ist der Anfang schon gemacht.
Weil’s dann keine Kleinigkeit ist,
ob die Zeit verta’ne Zeit ist,
die man mit sich zugebracht

(K. Wecker : Wenn der Sommer nicht mehr weit ist…)

 Herbstliche Tage laden dazu ein: man sitzt da und sagt: wie schnell die Zeit vergeht. Ist es nicht so? In meinem Vortrag nächste Woche in Wattens geht es um „Macht Erfolg glücklich“. Erfolg und Glück sind ja immer Definitionssache. Und wer ist nicht gerne erfolgreich und genießt diese Zeit.

Aber wie selbstbestimmt sind wir wirklich beim Sein in der Zeit? Viele Triebfedern stecken hinter unserer „Zeitgestaltung“, mit denen wir uns arrangieren. Die Gewohnheit, die Lust, die Pflicht, der Ehrgeiz, das „man macht das halt“.Wir kennen erfüllte Zeit, gestresste Zeit, Zeitvertreib, Zeit vor Fernsehen und im Internet. Kennen wir noch EIGENZEIT? Und wenn ja., wie erleben wir sie?

Gibt es da nicht individuelle Klischees und Sehnsüchte, die auch mit dem Herbst in Verbindung stehen? Z.B. ein Buch lesen am Kaminfeuer, Zeit für freundschaftliche tiefere Begegnungen finden, (richtige) Briefe schreiben etc. Analog zum Herbstzeit nennt WILLIGIS JÄGER, ein Ordensbruder von Anselm Grün, diesen Zustand  im Lebensalter „Goldener Wind“ und schreibt ein Buch davon.

EIGENZEIT ist geprägt von Selbstbezüglichkeit, von Entwürfen und Ahnungen, wer bin ich eigentlich. Aber auch von unproduktiven Zuständen wie Stimmungen oder Gefühlen nachhängen, sie einzuordnen, sich  be- sinnen. Was ist wirklich wichtig und auf was konzentriere ich mich.  Und auch von Lange-weile.

MAX FRISCH schreibt in „Biographie-ein Spiel“ : „mehr als die Wirklichkeit zählt die Möglichkeit und unsere Entscheidung darin“. In EIGENZEIT können wir auch träumen- was wir gerne täten oder wie wir noch sein können. Und das wahre Leben ist nur ein Fragment unserer Möglichkeiten, weil wir gar nicht Zeit für alles haben bzw. auch weil wir mir jeder Entscheidung alternative Wege nicht gehen. So wird aus Entscheidung Gewohnheit, aus Gewohnheit Charakter und aus Charakter Schicksal? Vielleicht.

Unser Herz und unsere Achtsamkeit können uns dazu verhelfen, dass wir EIGENZEIT auch nutzen, um zu finden, wer wir sind und was sich stimmig anfühlt. Wir können Begegnungen für diese Aufgabe nutzen, wenn wir offen und mutig sind. Denn im Spiegel des Gegenübers finden wir uns leichter als in Nabelschau.  Dieses eigentliche Ich heisst in der Psychologie GENIUS und soll sich in einem ganz kurzes Satz mit Adjektiven definieren lassen.

Dann können wir dieser Stimmigkeit dienen. Unser Leben verweist dann selbst als Fragment auf das große Ganze und zeichnet ein Bild über uns, das auch für andere greifbar wird, das uns mit unserem Wesen übereinstimmend  zeigt. Schauen wir wiederum in Liebe auf andere, die das auch tun, bricht für einen Moment der Bann der Macht der Gewohnheit, der Weg zu sich fühlt sich leicht an und wir fühlen uns gesehen.

„Sei du selbst, andere gibt es schon genug“ steht als Sinnspruch auf einem Bild, das in meiner Praxis hängt.

liebe Grüße

Horst

Literatur:

Bauer, Christina: auf dem Weg zu mir, aus Vortrag beim LC KÜN 2015

Frisch, Max: Biographie- ein Spiel 1969

Jäger, W. Der goldene Wind, 2010

Dirk Richards: weil du einzigartig bist, der Weg zum Genius

Safranski, R.: Zeit, 2015

November 25, 2017

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